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Warte nicht mit der Kieferorthopädie, bis bei deinem Kind alle bleibenden Zähne da sind

Wusstest du schon, dass 90 % der Kieferentwicklung circa bis zum zwölften Lebensjahr stattgefunden hat.

In vielen Praxen ist es üblich, mit einer klassischen kieferorthopädischen Behandlung erst dann zu starten, wenn die meisten bleibenden Zähne da sind. Das hat fachliche Gründe. Manche Befunde lassen sich erst dann sicher beurteilen. Und manche Behandlungsschritte sind erst dann sinnvoll planbar.

Trotzdem lohnt sich die Frage: Muss man wirklich so lange warten, bis man überhaupt hinschaut?

Aus dentosophischer Sicht ist die Antwort ganz klar: nein. Denn ein großer Teil der Kieferentwicklung ist bis dahin bereits passiert.

Denn „zu wenig Platz“ entsteht nicht plötzlich. Kiefer, Gesicht und Zahnbögen entwickeln sich über viele Jahre. Und ein großer Teil dieser Entwicklung passiert bereits in der Kindheit.

Genau deshalb kann es hilfreich sein, frühzeitig einen Funktionscheck zu machen. Nicht, weil jedes Kind sofort behandelt werden muss. Sondern weil man Entwicklungsrichtungen früher erkennt und weil Funktionen wie Atmung, Zunge und Lippen im Alltag viele Stunden wirken und sich in jungen Jahren oft leichter begleiten lassen.

Warum frühes Hinschauen sinnvoll ist

Bis zum Ende der Grundschulzeit und in den Jahren danach wächst im Gesicht und im Kiefer noch viel. In dieser Phase verändern sich Form und Größe der Kiefer, der Gaumen und die Zahnbögen.

Wenn erst sehr spät reagiert wird, sind manche Wachstumsphasen schon vorbei. Dann geht es oft mehr um Korrektur als um Begleitung.

Frühes Hinschauen bedeutet deshalb vor allem: Klarheit schaffen, solange Entwicklung noch gut beeinflussbar ist.

Was heißt das konkret für Eltern?

Schritt 1: Früh erkennen, bevor es „groß“ wird

Ein Check macht besonders dann Sinn, wenn es Hinweise gibt, dass etwas nicht optimal läuft.

Typische Hinweise können sein:

– Mund oft offen, auch tagsüber
– häufige Mundatmung statt Nasenatmung
– trockener Mund am Morgen
– Schnarchen oder unruhiger Schlaf
– Lippen in Ruhe oft nicht geschlossen
– Zunge liegt in Ruhe eher unten statt am Gaumen

Wichtig: Das sind keine Diagnosen. Es sind Hinweise, bei denen es sich lohnen kann, genauer hinzuschauen.

Schritt 2: Funktion begleiten, nicht nur Zähne anschauen

Zähne stehen nicht „für sich allein“. Sie sind eingebettet in ein System aus Atmung, Zunge, Lippen und Wangen, Schlucken und Muskelspannung im Gesicht.

Dieses System arbeitet jeden Tag viele Stunden. Besonders im Schlaf. Wenn zum Beispiel dauerhaft durch den Mund geatmet wird oder die Zunge in Ruhe nicht oben am Gaumen liegt, können über die Zeit andere Kräfte im Mund wirken. Das kann die Entwicklung von Gaumen und Zahnbögen beeinflussen.

Darum schauen wir in der Praxis nicht nur auf die Zähne, sondern auch auf die Funktionen dahinter.

Schritt 3: Voraussetzungen verbessern für die nächsten Jahre

Wenn Funktionen im Alltag günstiger werden, kann das gute Voraussetzungen schaffen. Zum Beispiel für eine ruhigere Entwicklung des Kiefers, weniger starke Engstände oder eine einfachere Ausgangslage, falls später doch eine Zahnspange nötig wird.

In manchen Fällen kann das bedeuten, dass eine Zahnspange später gar nicht nötig ist. Oder dass eine spätere Behandlung weniger aufwendig ausfällt und kürzer dauern kann. Das lässt sich nicht versprechen. Es hängt immer von der Ausgangslage und vom Wachstum des Kindes ab.

Entwicklung ist individuell. Es geht um bessere Chancen und um einen klugen Zeitpunkt.

Was Atmung und Schlaf mit dem Gaumen zu tun haben können

Der Oberkiefer und der Gaumen haben nicht nur mit Zähnen zu tun. Sie gehören auch zur Region der oberen Atemwege. Darum lohnt sich bei manchen Kindern der Blick auf Atmung und Schlaf.

Wenn ein Kind häufig durch den Mund atmet oder nachts schlecht Luft bekommt, kann das den Alltag stark beeinflussen. Und es kann ein Hinweis sein, dass man genauer hinschauen sollte, ob die Nasenatmung gut funktioniert und ob der Mundbereich in Ruhe gut arbeitet.

Auch hier gilt: Es geht um Hinweise, nicht um schnelle Etiketten.

Warum die Zunge so wichtig ist

Die Zunge ist nicht nur beim Sprechen und Essen aktiv. Die Ruheposition der Zunge spielt eine Rolle. Idealerweise liegt die Zunge in Ruhe oben am Gaumen und die Lippen sind entspannt geschlossen.

Wenn die Zunge dagegen oft unten liegt und die Lippen häufig offen sind, entstehen andere Druck und Zugkräfte im Mund. Über viele Stunden, Tag für Tag, kann das Einfluss auf die Entwicklung nehmen.

Manchmal kann es sinnvoll sein, die Zungen und Lippenfunktion gezielt zu begleiten, zum Beispiel durch myofunktionelle Therapie. Welche Schritte passen, hängt vom Kind ab.

Hinweise statt Diagnosen: So kann es im Alltag aussehen

Beispiel 1

Unruhiger Schlaf, Schnarchen, morgens trockener Mund. Tagsüber oft offener Mund. An den Zähnen ist noch wenig zu sehen.

Früher Ansatz: Atmung und Mundfunktion anschauen, bevor „zu wenig Platz“ zum Hauptthema wird.

Beispiel 2

Leichte Engstände zeigen sich bereits. Dazu kommt: Lippen in Ruhe oft offen, Zunge eher unten.

Früher Ansatz: Funktionen begleiten, die jeden Tag wirken. Ziel ist, die Entwicklung so günstig wie möglich zu unterstützen.

Was ein Funktionscheck kann und was nicht

Ein früher Funktionscheck ersetzt keine Diagnostik und nicht immer die Kieferorthopädie. Er kann aber helfen,

– Risiken früher zu erkennen,
– unnötiges Abwarten zu vermeiden,
– und sinnvolle nächste Schritte zu wählen.

Manchmal ist die beste Empfehlung: erst einmal beobachten. Manchmal helfen kleine Veränderungen im Alltag. Und manchmal ist eine Zusammenarbeit mit weiteren Fachrichtungen sinnvoll.

Fazit & nächster Schritt

Viele Kiefer und Zahnstellungsprobleme entwickeln sich über Jahre. Ein großer Teil der Kieferentwicklung passiert bis etwa zum 12. Lebensjahr.

Frühes Hinschauen bedeutet nicht: sofort behandeln. Es bedeutet: früh verstehen, was im System passiert, damit Entwicklung bestmöglich begleitet werden kann.

Ein kurzer Kinder Funktionscheck in der Praxis kann Klarheit geben. Dabei werden Zähne und Kiefer angeschaut, aber auch Atmung, Lippen und Zunge. Danach ist klarer, ob aktuell alles im grünen Bereich ist oder ob es sinnvolle nächste Schritte gibt.

Über die Autorin

Ich bin Dr. Maren Koch, Zahnärztin und Kinderzahnärztin bei WedeDent in der Wedemark. Als Dentosophin erweitere ich den klassischen Blick auf Zähne um die Frage, wie Atmung, Zungenlage und Schlucken im Alltag zusammenspielen. Diese Perspektive hilft vielen Familien, früh Hinweise zu erkennen und passende nächste Schritte zu finden.

FAQ für Eltern

1) Ab welchem Alter lohnt sich ein Funktionscheck?

Sinnvoll ist ein Check immer dann, wenn es Hinweise gibt. Das kann schon im Kindergartenalter sein und häufig auch im frühen Grundschulalter. Es geht nicht darum, so früh wie möglich zu behandeln. Es geht darum, früh Klarheit zu bekommen, ob Atmung, Zunge und Lippen gut zusammenspielen und ob die Entwicklung gerade in eine günstige Richtung läuft.

2) Woran lässt sich erkennen, dass ein Check sinnvoll sein könnte?

Häufig sind es Alltagsbeobachtungen, die sich wiederholen. Zum Beispiel Mund oft offen, häufige Mundatmung, trockener Mund am Morgen, Schnarchen, unruhiger Schlaf, Lippen in Ruhe oft nicht geschlossen oder die Zunge liegt in Ruhe eher unten. Ein einzelner Punkt ist kein Beweis. Wenn mehrere Dinge zusammenkommen, lohnt sich ein Blick.

3) Heißt Funktionscheck automatisch, dass eine Therapie nötig ist?

Nein. Ein Check ist erst einmal eine Bestandsaufnahme. Manchmal ist alles im grünen Bereich und es reicht, weiter zu beobachten. Manchmal sind kleine alltagstaugliche Schritte sinnvoll. Und manchmal ist eine begleitende Therapie oder eine zusätzliche Abklärung bei weiteren Fachrichtungen hilfreich.

4) Kann ein Funktionscheck eine Zahnspange verhindern?

Das kann man nicht versprechen. Entwicklung ist individuell. Ein früher Blick kann aber helfen, ungünstige Muster früher zu erkennen und zu begleiten. Das kann die Ausgangslage verbessern. Ob später eine Zahnspange nötig ist, hängt von vielen Faktoren ab.

5) Was passiert beim Funktionscheck in der Praxis konkret?

Es wird nicht nur auf die Zähne geschaut. Es geht auch um Funktionen, die täglich wirken. Zum Beispiel Atmung, Lippenverschluss, Zungenruhelage und Schluckmuster. Dazu kommen Fragen zu Gewohnheiten und, wenn relevant, Hinweise rund um Schlaf. Am Ende steht eine klare Einordnung, ob aktuell Handlungsbedarf besteht und welche nächsten Schritte sinnvoll sein können.

Studien zu dem Thema

  1. Milos D, Pavlic A, Vandevska Radunovic V, et al. Craniofacial Growth in Adolescence and its Influence on the Mandibular Incisor Crowding. *Acta Stomatologica Croatica*. 2021. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/ PMC8033627/
  2. Yang X, Lai G, Wang J. Effect of orofacial myofunctional therapy along with preformed appliances on patients with mixed dentition and lip incompetence. *BMC Oral Health*. 2022. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/ PMC9733194/
  3. Bokov P, Dahan J, Boujemla I, et al. Mouth breathing in children with moderate to severe obstructive sleep apnea: nasal obstruction versus habit phenotype. *Sleep Medicine*. 2022. https://www.sciencedirect.com/ science/article/abs/pii/ S138994572201067X
  4. Liu Y, Zhou J R, Xie S Q, Yang X, Chen J L. The Effects of Orofacial Myofunctional Therapy on Children with OSAHS’s Craniomaxillofacial Growth: A Systematic Review. *Children (Basel)*. 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/ PMC10136844/
  5. Primarti RS, Fatma A, Jayanti CNR, Musnamirwan IA, Setiawan AS. Mouth Breathing and Its Impact on Sleep Breathing Disorders in Children. *Clinical, Cosmetic and Investigational Dentistry*. 2025. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/ PMC12412591/
  6. Stefani CM, de Lima AA, Stefani FM, et al. Effectiveness of orofacial myofunctional therapy in improving orofacial function and oral habits: a scoping review. *Canadian Journal of Dental Hygiene*. 2025. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/ PMC11956678/
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